Most e.V.
Vernissage & Ausstellung im Polnischen Institut: Karol Broniatowski

Vernissage:
26.01.2012, 19:00 Uhr

Ausstellung:
26.01 - 05.04.2012


Das Polnische Institut Berlin zeigt eine Auswahl neu entstandener Arbeiten von Karol Broniatowski: seine Skulpturen und Gouachen. Es sind dynamische, mal zarte, mal gewaltige Frauenfiguren; Schatten die ins Dreidimensionale übergehen und plötzlich wieder zu Skulpturen werden.

Der Stoff, aus dem das erste große skulpturale Werk Karol Broniatowskis in den 1970er Jahren entstand, waren Zeitungen. Gesichtslose Menschen, beim Einmarsch oder Lauf festgehalten, wurden aus dem mit Polyesterharz laminierten, versetzten Papier geformt, das ein wüstes Durcheinander von Texten und Titeln durchscheinen ließ – den ganzen alltäglichen Wirrwarr von Informationen, Kommentaren und Falschmeldungen, von denen sich das Kollektivbewusstsein der von Lesefähigkeit „betroffenen“ Gesellschaft nährt.
Aus dem Homo gazeticus wurde bald ein unübersehbarer Moloch, der in 93 Teile zerlegte „Big Man“ aus Stapeln entsprechend zugeschnittener, also wieder unlesbarer, damit auch überflüssiger, keinen Anspruch auf Bestand verdienender Zeitungen. Seine Teile, in die ganze Welt verstreut, korrespondierten mit der Konzeption der „sozialen Plastik“ Joseph Beuys‘ – als eine Vielheit gemeint, die immer in Bewegung, also unmöglich zu porträtieren ist. Die „soziale Plastik“, im Grunde genommen nicht einmal Allegorie, sondern Hypostase, kann man sich als ein Gebilde aus Sandkörnern denken. So sah sie jedenfalls der Künstler, als er mit der Sisyphusarbeit begann, Porträts aus Sand zu formen, oder Kunstwerke als Morsealphabet „klopfte“.
Als noch schwieriger erwies es sich, die nur mehr anonymen Gestalten, die vom vorstädtischen Bahnhof Grunewald in Berlin ins Nichts abgefahren wurden, in irgendeinem Material wiederzugeben. Geblieben ist ein leerer Platz – die Erinnerung an die Absenz. Die Leere, die die vom Bahnhof Grunewald Deportierten hinterlassen hatten, wurde als formlose Ausbrüche und Löcher in der Oberfläche der Betonmauer festgehalten. Bei entsprechender Beleuchtung kann man sie mit Schatten menschlicher Silhouetten verwechseln. Solche Schatten sind auch in Broniatowskis Zeichnungen, die an flache, von jener Mauer abgenommene Abdrücke erinnern, wieder zu finden.
Interessant ist, dass die Silhouetten auf Papier nach und nach gleichsam spezifische, individuelle Züge annahmen. Sie sind genauso wenig identisch wie Sandkörner in starker Vergrößerung. Sie fordern zu einem erneuten Versuch heraus, ihnen Dauerhaftigkeit zu verleihen. Sich die Mühe zu geben, sie in eine Skulptur umzusetzen. Schnell in feuchtem Ton zu gestalten, damit die zustande gekommene Silhouette an ihren eigenen Schatten erinnert. Oder – damit dem Schatten ein Bronzedenkmal gesetzt wird.

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